Schönheitschirurg rechnet mit seiner Zunft ab

Der renommierte Wiener Schönheitschirurg Artur Worseg rechnet in seinem Buch «Deine Nase kann nichts dafür. Wie wir uns vor dem Schönheitswahn retten» mit seiner eigenen Branche ab.

17.3.2019 Mara Ittig, Bluewin

Eigentlich wollte Artur Worseg – renommierter plastischer Chirurg und Leibarzt der Wiener High-Society in sämtlichen Schönheitsfragen – dieses Buch erst am Endeseiner Karriere schreiben. Ihm ist vollauf bewusst, dass er damit seinem Geschäft schaden kann, der grassierende Schönheitswahn bringt ihm volle Wartezimmer und Operationssäle. Die Geschäfte laufen gut: Worseg besitzt ein Institut für plastische Chirurgie und eine Privatklinik.

Zu Worsegs Dilemma: Er ist der Auffassung, viele seiner Patienten wären bei einemPsychiater besser aufgehoben als in einer Schönheitsklinik. «Unsere Probleme mit Nase, Lippen oder Busen kommen daher, dass wir mit etwas in unserem Leben unzufrieden sind.» Eine Schönheitsoperation sei in den meisten Fällen nur «die Behand-lung eines Symptoms. Und zwar eines Symptoms, an dessen eigentliche Ursache mit einem Skalpell nicht heranzukommen ist. Was bedeutet, dass eine Schönheitsopera-tion in den meisten Fällen die falsche Entscheidung ist.»

Seinen Freunden und Verwandten würde er von einem Eingriff aus rein ästhetischenGründen sogar abraten. Es gäbe bessere Wege, sein Äusseres zu akzeptieren. «Wer vor den Herausforderungen des Alterns davonrennt, rennt immer in die falsche Rich- tung.»

Mit retuschierten Models kann man nicht konkurrieren

Den Grund, warum er das Buch nun früher als geplant geschrieben hat, nennt ergleich zu Beginn: «Die zunehmende Beschleunigung unserer Welt erzwingt Oberfläch- lichkeit und konfrontiert uns stärker denn je mit unserem Äusseren. Permanenter Frust und ständige Unzufriedenheit sind die Folgen.»

Der Schein würde immer wichtiger als das Sein, die Erwartung, dass für jedes Problem immer sofort eine Lösung hermüsse, nehme zu. Medien, Selbstoptimierungswahn und Selfie-Boom würden das ihre zu dieser Entwicklung beitragen.

Verzerrte und bearbeitete Bilder gelten plötzlich als Mass aller Dinge in puncto Schön-heit – ein Abbild, mit dem reale Menschen gar nicht mithalten können. Mit jenen mit-tels Photoshop perfektionierten Top-Models können wir nicht konkurrieren. Und tun es dennoch. Dass man da im Vergleich schlecht abschneidet, ist klar. Erst recht die Mo-dels selbst sehen in echt nicht so aus, wie uns die Bilder Glauben machen wollen.

Die vier krassesten Typen

Besonders anfällig sind laut Worseg Menschen mit psychischen Auffälligkeiten: «Vier-zig Prozent aller Frauen und Männer, die einen Schönheitschirurgen konsultieren, weisen Zeichen einer psychischen Auffälligkeit auf. In der norwegischen Soest- Studie berichten 19 Prozent von Depressionen und Angststörungen. Zum Vergleich: Vier Prozent sind es in der Gesamtbevölkerung. Patienten von Schönheitschirurgen leiden deutlich häufiger an psychischen Auffälligkeiten als die Gesamtbevölkerung.»

Artur Worseg beschreibt in «Deine Nase kann nichts dafür» anhand von Fallstudien vier Persönlichkeitstypen, die seine Dienste besonders oft in Anspruch nehmen:Menschen mit einer Tendenz zum Narzissmus: Ihre ständige Auseinandersetzung mit

sich selbst führt unweigerlich zu einem ungesunden Hang zur Selbstoptimierung.Menschen mit histrionischer Neigung: Histrioniker brauchen Aufmerksamkeit und Beachtung. Ihnen geht es ungewöhnlich stark um ihre Aussenwirkung. Die eigene Auf-merksamkeit kreist ausschliesslich um den eigenen Auftritt.

Menschen mit Borderline-Tendenz: Menschen mit der Tendenz zu Borderline entwi-ckeln unrealistische Visionen von sich selbst und folgen den falschen Vorbildern. Menschen mit manisch-depressiver Tendenz: An einem Tag schön, am nächsten hässlich, genau das gilt für den vielleicht schwierigsten Typ Mensch, der sich beson-ders häufig in Kliniken einfindet, weil er mit seinem Äusseren nicht fertig wird.

Oft stecken Männer dahinter

Auch ein anderes Verhaltensmuster scheint er in seiner Klinik überdurchschnittlich häufig anzutreffen: «Hinter vielen Schönheitsfehlern, die Frauen an sich entdecken, steht ein Mann.» Bis zu einem gewissen Punkt sei es verständlich, wenn Kritik oderGleichgültigkeit am Selbstwert nagten und man daraus schliesse, dass das an Nase, Po oder Busen liege. Nur sei die Annahme praktisch immer falsch.

Oft sind es gemäss Worseg gerade nach aussen hin stark und unabhängig wirkende Frauen, die sich in ihren Beziehungen durch Kritik oder mangelnde Aufmerksamkeit verunsichern lassen. In den meisten Fällen hat das Problem aber einen ganz anderen Ursprung als eine vermeintlich mangelhafte Optik. «Perfekt ist nichts, schon gar nicht die menschliche Physiognomie. Wenn das eigene Glück an dieser Perfektion hängt, dann ist das eine seelische Tragödie.»

Das Buch ist somit für all jene gedacht, die schon immer mal einen Blick hinter die Kulissen der Schönheitschirurgie werfen wollten. Und ein kluger Denkanstoss für alle,die sich mit der Frage beschäftigen, ob sie sich unters Messer legen sollen, weil siemit ihrem Äusseren unzufrieden sind.

Zum Autor: Dr. Artur Worseg ist seit mehr als 25 Jahren Facharzt für Plastische Chirurgie und gilt als Schönheitschirurg der Reichen und Prominenten Europas. 1998 gründete er das «Aesthetic Center Wien», seit 2016 leitet er die Privatklinik Währing inWien. Für den österreichischen Privatsender ATV operiert er seit Jahren vor laufender Kamera. Nach zahlreichen wissenschaftlichen Publikationen und Vorträgen ist «DeineNase kann nichts dafür» sein erstes Buch.

 

Quelle: https://www.bluewin.ch/de/leben/lifestyle/schoenheitschirurg-rechnet-mit-sei-ner-zunft-ab-224400.html