„Der Schönheitswahn ist größer als je zuvor“

Ein prominenter Schönheitschirurg rechnet mit sich selbst und seiner Branche ungewöhnlich offen ab.

Artur Worseg gilt als kosmetischer Chirurg der Reichen und Prominenten Europas. Der habilitierte Mediziner hat nach 25 Jahren Berufserfahrung eine ungeschönte Bilanz in Buchform geschrieben: „Deine Nase kann nichts dafür – Wie wir uns vor dem Schönheitswahn retten“(edition a). Im SN-Interview sieht er auch die sozialen Netzwerke sehr kritisch, weil sie viele junge Menschen in seine Ordination treiben.

SN: Sie sehen Ihren Beruf als Schönheitschirurg heute sehr kritisch: Haben Sie nach vielen Jahren in diesem Beruf ein schlechtes Gewissen? Worseg: Das hat etwas für sich. Man fühlt sich manchmal schon ein bisschen schuldig, wenn man mit vielen Leuten zu tun hat, die glauben, wer schön ist, der ist auch glücklich. Und wenn sie sich etwas herrichten lassen, werden sie auch glücklich sein. Im Lauf der Jahre weiß man, dass das bei vielen nicht so ist. Das macht dann vielleicht wirklich ein schlechtes Gewissen.

SN: Gab es für Sie Schlüsselerlebnisse, die Sie so selbstkritisch haben werden lassen? Es waren jetzt weniger einzelne persönliche Erlebnisse. Man denkt einfach im Lauf der Jahre ein bisschen mehr nach.

SN: Sie schreiben in Ihrem Buch, Sie würden Verwandten immer von einer Schönheitsoperation abraten. Warum nur Verwandten? Wahrscheinlich weil ich sie anders und vor allem nicht nur nach ihrem Äußeren sehe. Wenn jemand als Gesamtkunstwerk vor dir steht und man sich schon ewig kennt, hat man kaum ein Verständnis dafür, dass er oder sie etwas an sich ändern will.

Ich höre auch oft von Patienten, dass ihnen alle Verwandten und Freunde davon abraten, etwas machen zu lassen. Weil man sie einfach so mag, wie sie sind. Das Hauptproblem ist oft das Problem, das die Leute mit sich selbst haben.

SN: Raten Sie Menschen, die zu Ihnen kommen, heute eher von einem Eingriff ab? Ich rate dann ab, wenn ich ein komisches Gefühl habe. Und oft ist das wirklich nur ein komisches Gefühl. Die wenigsten sagen ja, dass sie zum Beispiel ihre Partnerschaft damit retten wollen. Oder dass sie endlich einen Freund finden möchten. Viele wollen sich auch etwas machen lassen, weil sie im Beruf unter den Jungen das Gefühl haben, besser bestehen zu können. Man spürt das, wenn der Druck sehr stark ist oder sie aus einer Lebenssituation heraus mit sich unzufrieden sind, weil zum Beispiel gerade ihre Scheidung läuft. Hier versuche ich schon, ihnen einen kosmetischen Eingriff auszureden. Oder man bringt sie dazu, noch einmal darüber nachzudenken und die Operation zu einem späteren Zeitpunkt zu machen. Das sollte jeder Schönheitschirurg machen, der ein bisschen ein Menschengefühl hat.

SN: Was Sie hier einfordern, heißt aber auch, dass ein Schönheitschirurg eigentlich auch Psychiater und Psychotherapeut zugleich sein sollte?! Müsste er eigentlich sein. Derzeit haben die Schönheitschirurgen gar keine psychologische Ausbildung, auch wenn es stärker thematisiert wird. Allerdings funktioniert heute die Zusammenarbeit mit den Psychotherapeuten auch besser. Früher war es so, dass man beinahe verfeindet war und um die einzelnen Patienten richtig kämpfte. Heute kooperieren wir hingegen recht gut. Und wir müssen das auch, weil junge Menschen bis 18 Jahre ein psychologisches Gutachten vor einem kosmetischen Eingriff vorlegen müssen.

SN: Wäre nicht oft eine Psychotherapie besser als eine Schönheitsoperation? Es ist definitiv so: Je länger jemand darüber nachdenkt, etwas machen zu lassen, desto weniger lässt man dann auch etwas machen. Viele wollen, wie gesagt, aus einer momentanen Lebenssituation heraus eine kosmetische Korrektur. Die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper ist aber nicht immer ein Dauerzustand. Wenn es einem nicht gut geht, fühlt man sich in seiner Haut auch nicht wohl. Und oft liegt die dahintersteckende Motivation viel weiter zurück. Das können Hänseleien sein, denen man in der Kindheit ausgesetzt war. Oder wenn man von Haus aus mit seinem Körper unzufrieden ist, reicht oft eine Kleinigkeit im Leben, die einen durcheinanderbringt, und der Körper wird dann zum Schuldigen.

SN: Spielen Sie in solchen Fällen auch auf Zeit? Genau, nicht nur dem Patienten, sondern auch sich selbst zuliebe. Wenn jemand unendlich hohe Erwartungen hat und nach der Operation ändert sich nichts in seinem Leben, dann sind diese Menschen auch unzufrieden – egal wie gut oder schlecht man operiert hat. Wir Schönheitschirurgen schützen uns auch ein bisschen, wenn wir Leute wegschicken.

SN: Umgekehrt gefragt: Kann ein schönheitschirurgischer Eingriff auch psychisch helfen? Unterstützen auf jeden Fall. Wir bekommen oft Patienten von unseren Psychotherapeuten zurück mit der Frage: Jetzt ist es so weit, dass man den Eingriff machen kann, es gibt sonst keine Möglichkeit, dass es ihm oder ihr besser geht. Da gibt es zahlreiche Studien, auch in der Praxis zeigt sich, dass ein Eingriff sehr viel bringen kann. Aber das Timing muss stimmen. Macht man es vielleicht ein halbes Jahr vorher, bewirkt man womöglich genau das Gegenteil. Dabei kommt es auf die Erwartungen an: Geht es um den schönen Busen oder die gestraffte Bauchdecke, dann werden die Patienten eher zufrieden sein. Wenn sie aber sagen, sie wollen unbedingt einen Partner finden, weil man schon drei Jahre allein ist, und dann kommt auch nach dem Eingriff kein Partner, wird der oder die Betroffene trotzdem nicht zufrieden sein.

SN: Welche Rolle spielen die sozialen Medien heute, sich einem schönheitschirurgischen Eingriff zu unterziehen? Eine sehr große Rolle. Das ununterbrochene Vergleichen mit anderen in bester Position, im besten Winkel und Licht führt natürlich dazu, dass man sich heute noch mehr mit dem Äußeren beschäftigt als früher. Dieser Selfie-Boom hat in diesem Zusammenhang sicher nichts Gutes gebracht.

SN: Kommen auch verstärkt junge Menschen in Ihre Praxis? Absolut, es kommen unheimlich viele Junge zu mir. Und genau die Jungen sind die am meisten gefährdeten Patienten. Ein Älterer, der sagt, jetzt möchte ich mir endlich etwas korrigieren lassen, was mich schon lange gestört hat, und wenn nicht, dann ist es auch gut: So jemand wird auch nach dem Eingriff zufrieden sein. Ein junger Mensch, der glaubt, dass sich mit einer kosmetischen Operation alles ändern wird, weil er dadurch mehr Aufmerksamkeit bekommt, zählt auch oft zu den unzufriedenen Patienten, weil sich die hohen Erwartungen oft nicht erfüllen können.

SN: Wie gehen Sie mit sehr jungen Kunden um? Ich habe immer ein sehr ungutes Gefühl, wenn zum Beispiel junge Mädchen vor mir stehen. Wenn man selbst Kinder hat, weiß man, wie sie sind. Sie schauen zwar erwachsen aus, sind aber im Herzen noch immer Kinder. Ich schicke viele weg, operiere aber auch manche. Manchmal mit gutem und manchmal mit weniger gutem Erfolg. Das ist ein zweischneidiges Schwert, wo man auch zwischen unternehmerischem und menschlichem Denken abwägen muss. Das soll man nicht verschweigen.

SN: Um zu Ihrem eingangs erwähnten schlechten Gewissen zurückzukommen: Würden Sie auch heute noch Schönheitschirurg werden wollen? Ich glaube, ich würde diesen Beruf nicht mehr direkt anstreben. Als ich damit begann, hat es den Beruf des Schönheitschirurgen in der heutigen Form auch gar nicht gegeben.

SN: Ist es das Gefühl, mit Ihrer Arbeit der Gesellschaft keinen wirklich guten Dienst zu erweisen? Es ist zumindest zweischneidig. Es ist ein extrem schwieriger Beruf, der weit über die Chirurgie hinaus in die Psychologie und Psychotherapie geht. Aus rein chirurgischer Sicht kann man sehr schnell in eine Falle hineintappen und Dinge machen, die man nachher bereut. Alles, was über das Chirurgische hinausgeht, erfordert extrem viel Fingerspitzengefühl.

Und ich weiß nicht, ob man das als Junger heute so lernen kann, ohne eine entsprechende Ausbildung zu bekommen. Jetzt, nach 20, 25 Jahren Berufserfahrung, ist das leichter, weil man auch viele negative Seiten kennengelernt hat.

„Man kann schnell in eine Falle tappen.“Artur Worseg, Schönheitschirurg